Dienstag, 29. März 2011

es ist immer noch wie..

es ist wie, wenn man seinen namen vergessen hat und vor dem spiegel steht und sich selbst anstarrt. man hofft, irgendwas aus seinem eigenen blick lesen zu können. die frage in gedanken an den spiegel leiten und auf eine antwort hoffen, die von dem spiegelbild zurück kommt. man beginnt die augen zu petzen bis man nur noch durch einen schmalen spalt hindurch sehen kann, tiefe falten auf der stirn bilden sich und man spürt die konzentration im schädel elektrisieren. die augen werden rot, der mund trocknet aus und der atem wird schwerer. gerade wenn man beginnt an resignation zu denken, scheinen die augen im spiegel einem etwas mitzuteilen, doch man kann es nicht lesen, weil es in spiegelschrift in viel zu kurzer zeit vor deinen eigenen augen vorbeizieht.

der letzte sonnige tag

Es war der erste sonnige Tag in diesem Jahr. An die 18 Grad. Die Sonne prallte auf die Erde und ich hatte schon vergessen wie die Welt in Sonnenschein aussieht. Doch nicht so übel, wie das graue traurige Bild in meiner Erinnerung.
Ich holte einen Kleiderbügel aus meinem Schrank raus und hing meine dicke Winterjacke voller Enthusiasmus an den hintersten Haken. Ich schloss die Schranktüren und drückte sie noch mal fest zu. Als hätte ich Angst vor Geistern, die dort drin wohnen könnten.
Ich riss mein Fenster bis zum Anschlag auf und zog mich um. Welch ein angenehmes Gefühl im T-Shirt rausgehen zu können. Auch hatte ich endlich einen Grund mir die Beine mal wieder zu rasieren. Wie erwacht aus einem tiefen und lethargischen Winterschlaf ging ich raus. Ohne Ziel und ohne jegliche Absichten. Ich war einfach draußen. Alleine.
Ich wollte gerade an den Fluss laufen als sie mich anrief. Ob wir uns treffen wollen, fragte sie. Ich sagte ihr wo ich gerade war und sie meinte, der Ort wäre perfekt. Ich wusste da noch nicht wofür, aber ich setzte mich auf die Wiese und wartete.
Sie kam von der anderen Seite der Brücke und setzte sich neben mich. Im Sonnenschein sah auch sie irgendwie anders aus. Irgendwie fröhlicher aber auch irgendwie betrübt. Als würde sie sich zwar über die Helligkeit und das Licht freuen, aber den warmen Strahlen nicht trauen. „Was ist los?“, fragte ich sie. Sie lächelte nur ernüchternd und sagte „Nichts. Es ist nur merkwürdig. So warm auf einmal im Gegensatz zu gestern.“
Ich verstand nicht, was sie mir sagen wollte. Ich freute mich jedenfalls darüber, dass es nicht mehr so war wie gestern.
Die nächsten 5 Minuten saßen wir uns nur schweigend gegenüber. Ich pflückte Grashalme und riss sie Zentimeter für Zentimeter auseinander bis ich einen kleinen Berg aus Graskonfetti vor mir hatte. Sie schaute währenddessen die ganze Zeit zum Wasser. „Willste schwimmen gehen?“, fragte ich sie. Sie lenkte ihren Blick zu mir und lächelte. „Du musst was für mich tun“, sagte sie. „Alles, was du willst.“ Antwortete ich leichtsinnig ohne zu wissen, was sie wollte. Ich dachte an einen Telefonstreich oder ein Eis oder so was. Aber nicht an das, was sie tatsächlich von mir verlangte.
„Schubs mich“, sagte sie. In Gedanken immer noch beim Eis begriff ich es erst nicht. Aber ich wusste, was sie meinte. Wir hatten schon einmal darüber geredet. Damals, als wir noch klein und überfordert mit dieser Welt und unserer Pubertät waren. Keine Lust mehr darauf. Aber es selbst zu tun, dafür waren wir nicht mutig genug. Also taten wir es für uns gegenseitig. An genau dieser Brücke sollte es geschehen. Ich schubse sie und sie reißt mich mit.
Dass sie sich immer noch ernsthaft daran dachte, verwirrte mich. Ich hatte diesen Gedanken schon komplett verworfen. Pubertäre Hirnfurze. Keinerlei Bedeutung. In den Vorlesungen sitze ich heute immer noch da und überlege mir, wie ich mich am besten und am schnellsten umbringen könnte.
Aber sie meinte es ernst. Sie war kein Mensch, der Sachen sagt oder denkt, nur weil sie lustig sind oder weil es in dem Moment passt. Sie meinte schon immer alles ernst, was sie äußerte. Deswegen sprach sie auch nie sonderlich viel. Sie hatte nur gewisse Dinge der Welt mitzuteilen, die sie lange genug bedacht und hinterfragt hat bis sie es irgendwann über die Lippen brachte. Bei unserer Planung damals war sie wohl auch schon so, so ernst, aber ich nahm ihre Äußerungen wohl auch so auf, wie ich damals war und heute immer noch bin. Leichtsinnig und bei allem nicht ernst genug.
In den folgenden 5 Jahren jedoch lernte ich sie genauso kennen. Und ich lernte auch, wie ich sie einordnen musste. Und als sie nun nach 5 Jahren wieder diese Idee aufgriff, wusste ich sofort, was sie dabei dachte und dass ich nicht mehr darüber lachen kann, wie damals.
Ich saß wohl gefühlte 16 Stunden vor ihr. Mit einem zerfetzten Grashalm in der Hand, der Mund geöffnet und der Blick nach rechts auf den Fluss fest gerichtet.
„Ist alles okay?...Du blinzelst nicht“.
Mit diesen Worten holte sie mich aus der Erinnerung von 2006 wieder raus, die ich schon vergessen und verdrängt geglaubt hatte.
„Im Ernst jetzt?“, fragte ich sie als hätte sie mir gesagt, sie sei schwanger. Sie sah mir nur mit einem fast hypnotisierenden Blick an und sagte „Ja, bitte.“
Ich atmete tief durch und dachte nach, während ich versuchte sie mit meinem Blick zu durchlöchern. Ich versuchte einen Grund für ihren Wunsch zu finden aber ich konnte an kein einziges Problem denken, dass sie die letzte Zeit gehabt hatte. Und soweit ich bis zu dahin wusste, vertraute sie mir alles an. Ich glaubte auch nicht wirklich, dass irgendwas vorgefallen war, dass sie zu dieser Entscheidung führte. Sie sah weder verzweifelt noch irgendwie geplagt aus. Nur betrübt von der trügerischen Sonne. Sie war auch kein impulsiver Mensch, der in seiner eigenen Schwäche Fehlentscheidungen trifft. Ich glaube sogar, dass sie lange, und zwar so lange wie dieser Winter andauerte, genau auf diesen Tag gewartet hat, um mich zu bitten.
„Und ich?“, fragte ich sie als würde ich mich danach erkundigen, welche Eissorte ich bekomme.
„Du machst das, was du immer machst. Vergessen, verdrängen, weiterleben.“ ‚Als Mörderin’ fügte ich in Gedanken hinzu.
Wir schwiegen weitere mehrere Minuten und obwohl ich den Grashalm in meiner Hand anstarrte spürte ich wie sie mit ihrem Blick das Wort „Bitte“ eine Millionen Mal in mich hinein zu schreiben versuchte.
Ich glaube kein anderer Mensch auf der Welt hat sich jemals in dieser Situation wiedergefunden. Nicht mal in einem Film oder einem Roman, jedenfalls in keinem den ich bisher gesehen oder gelesen hatte. Deshalb wusste ich wohl auch nicht mal ansatzweise wo und wie ich anfangen sollte zu denken.
Ich wusste, dass sie es wollte. Ohne jeden Zweifel. Ihre Gedanken entstehen nie in einem Moment der Verwirrung, Verzweiflung oder des Unsinns. Nicht mal in einem Streit würde sie etwas Unüberlegtes sagen. Da sagt sie lieber gar nichts.
Und ich wusste auch, dass ich der einzige Mensch auf der Welt war, den sie vor diese Aufgabe stellen würde. Sie würde sich von keinem anderen schubsen lassen als von mir.
Würde ich es nicht tun, würde sie wahrscheinlich nur „Okay“ sagen. Sie würde es nicht selbst auf andere Weise versuchen oder auf die Erlösung warten. Es sollte nicht anders geschehen als so wie wir es uns vor Jahren erdacht hatten. Das kam nicht in Frage für sie.
Da hörte mein Brainstorming auch schon wieder auf. Worüber sollte ich noch nachdenken? Ich konnte ihr weder einreden, es sein zu lassen noch konnte ich mich irgendwie dazu bewegen nein zu sagen. Und was danach passieren würde, wie es weitergehen würde, das konnte ich mir auch nicht im Entferntesten vorstellen.
Ich riss den Grashalm weiter Stück für Stück ab bis ich nur noch einen dünnen glitschigen Faden in der Hand hatte, der meine Finger grün färbte.
Ich wusste nicht wie man jemandem mitteilt, dass man ihn umbringen würde, also sagte ich nichts. Sie auch nicht. Sie legte sich hin und schloss die Augen. Ich legte meinen Kopf auf ihren Bauch und tat das Gleiche. So lagen wir da bis die Sonne unterging und es immer kälter wurde. Meine Beine zitterten, aber nicht vor Kälte. Es war kein Kältezittern. Es war eher ein Vibrieren. Wie wenn man total besoffen im Bett liegt nachdem man die Nacht durchgetanzt hat bis der ganze Körper schmerzt, man aber einfach nicht einschlafen kann und der Körper nicht mehr zu wissen scheint, ob man schläft oder wach ist, ob der Blutdruck hoch oder runter gehen soll, ob man lebt oder tot ist.
Die letzten Fahrradfahrer und Jogger zogen außer Atem an uns vorbei, die letzten Kinder ließen ihre Kugel Eis auf den Boden fallen und rannten weinend nach Hause und die letzten Fotografen fingen Bilder der letzten Sonnenstrahlen auf dem Fluss ein bevor sie den Deckel auf die Linse setzten.
Ich stand auf, klopfte mir den Dreck von der Hose und reichte ihr meine Hand.
Sie nahm sie und stand auf. Mein Magen fühlte sich an, als würde ihn jemand durchkneten wie Plätzchenteig. Mein Herz schlug so hart als würde jemand Tischtennis damit spielen. Und die pralle Sonne machte alles nicht gerade erträglicher.
Unsere Taschen und Schuhe ließen wir auf der Wiese liegen und liefen die Treppen zur Brücke hoch. Hand in Hand.
Den ganzen Weg über sprach keiner von uns, wir schienen uns nur durch das Drücken unserer Hände zu verständigen. Wir standen genau in der Mitte der Brücke, stellten uns auf unsere Zehenspitzen und blickten beide nach unten. Nun schlug mein Herz als würde jemand Squash damit spielen. Ich spürte förmlich wie die Haut in meinem Gesicht immer mehr an Farbe verlor.
Sie sah aus wie immer. Nur zufriedener. Vielleicht weil die Sonne untergegangen war.
Ohne lange an dieser Stelle zu verweilen um der Trauer, der Nostalgie und der Angst keine Möglichkeiten zu bieten, ließ sie meine Hand los und stieg auf das Geländer.
Ich sah mich kurz rechts und links um und atmete tief durch, blickte zu ihr hoch und folgte ihr.
Wir standen nun da. In mehr als 30 Metern Höhe. Schulter an Schulter. Mir blieb die Luft weg und ich starrte nur ängstlich und angespannt geradeaus. Sie blickte zu mir rüber und schien sich an meinem Blick zu amüsieren. Ich erwiderte ihren Blick und die Anspannung schien sich auf zu lösen.
Ich streckte meine Zehen aus, ballte meine Hände zu Fäusten und schwenkte meinen Blick von ihr nach unten.
Sie nahm meine Hand und drückte sie so fest, dass es schon weh tat, aber es bewahrte mich davor, mich in der Dunkelheit des Wassers zu verlieren.
Ich sah sie entschlossen und zustimmend an. Sie drehte sich um, sodass sie mit dem Rücken aufkommen würde. Unsere Schultern berührten sich für einen kurzen Moment und sie verpasste mir damit einen Stromschlag. Sie schloss die Augen, ich ergriff ihren warmen Oberarm mit meiner eiskalten Hand. Ich glaube zu diesem Zeitpunkt war mein Blutdruck irgendwo unter Null. Sie wollte, dass ich es tue. Ich könnte ihr keine Bitte dieser Welt unterschlagen, ich würde alles für sie tun.
Alles außer für sie zu sterben. Denn wäre ich tot und sie dafür lebendig, wären wir nicht mehr zusammen, und so könnte ich sowieso nicht überleben.
Sie hatte ihre Augen immer noch geschlossen und wartete nur auf meinen Stoß. Ich drückte ihren Arm so fest ich konnte, sie blieb immer noch total ruhig stehen und wartete.
Ich ließ meine Hand locker und ließ sie runterschweifen zu ihrer Hand, umklammerte sie mit allen Fingern und trat ein Stückchen vor bis ich nur noch mit meinen Fersen auf dem Gelände stand. Total unsicher und ohne einen anderen festen Halt außer ihrer Hand. Dann stieß ich sie mit meiner Schulter hinunter. Sie versuchte ihre Hand von meiner zu lösen aber ich ließ nicht los.


für maya

Mittwoch, 9. März 2011

es ist wie..

freihändig fahrrad zu fahren. man muss sich nur trauen und das gleichgewicht halten, verpasst aber immer wieder den moment, in dem man den lenker wieder fassen sollte

der versuch das wasser mit beiden händen fest zu halten, während es den abfluss runter läuft

nach dem regen auf den regenbogen zu warten, während die sonne untergeht

Donnerstag, 3. Februar 2011

die frau

Am Dienstagabend stieg sie am Hauptbahnhof in die Sbahn ein, um nach Hause zu fahren.
Eine junge, sehr gepflegte und hübsche Frau setzte sich ihr gegenüber.
Sie saßen beide am Fenster, die beiden Plätze neben ihnen waren frei und in der Mitte stand ihr XXL-Louis-Vuitton-Koffer.
Sie war nicht gut im Alter einschätzen aber sie konnte nicht älter als 26 oder 27 gewesen sein.
Sie wirkte südländisch. Vielleicht Italienerin oder Spanierin. Sie hatte ein hübsches Gesicht, langes dunkles Haar und einen Kleidungsstil, den sie nicht anders als teuer beschreiben konnte.
Einen marineblauen Mantel mit Pelzkragen, schwarze High-Heels und eine, wie sie annahm, sündhaft teure Uhr ums Handgelenk. Nicht zu vergessen, der riesengroße Louis-Vuitton-Koffer.
Obwohl solche Menschen auf Anhieb unsympathisch und unwichtig auf sie wirkten, konnte sie nicht aufhören, sie anzugucken und zu versuchen, ihren Blick zu lesen.
Sie sah nicht aus, wie jemand, der in den Urlaub fliegen würde. Sie hatte keine Vorfreude, keinen Stress, den sie bald hinter sich lassen würde, und keine Aufregung in ihrem Blick, den man eigentlich auf den Fahrt zum Flughafen haben sollte. Sie nahm automatisch und ohne weiter darüber nachzudenken an, sie würde am Flughafen aussteigen.

Sie saß angespannt und ängstlich auf den Sitzen, die, wie sie erst jetzt bemerkte, einen unglaublich hässlichen Sitzbezug hatten.
Die Beine fest zusammengedrückt und die Hände statisch auf ihren Schoß gelegt. Immer wieder schaute sie in das Fenster, dass in der Dunkelheit zum Spiegel wurde, als würde sie ihr Spiegelbild das letzte mal sehen.
Ihre Augen waren glasig. Aber nicht als würde sie weinen müssen oder wollen, sondern als könnte sie grade einfach nicht anders gucken.
Bei jeder Station schaute sie auf den Platz neben ihr als hätte sie Angst, dass sich dort jemand hinsetzen würde.
Der Blick dieser Frau hatte etwas von dem einer Flüchtenden.
Gedankenversunken schaute sie ununterbrochen aus dem Fenster ins dunkle Nichts als würde sie darüber nachdenken, was sie zurücklässt und damit abschließen bzw. mit sich selbst kämpfen, es abschließen zu können.
Vielleicht hatte sie gerade ihren reichen alten Mann verlassen. Ihr Aussehen machte zumindest den Anschein, als sei sie mit einem reichen, gefühlslosen Mann zusammen, der wie alle anderen, zu nichts zu gebrauchen ist. Und als hätte sie Angst. Vielleicht vor ihm und dem, was er tun würde, wenn er nach Hause kommt und sie nicht mehr da ist. Vielleicht aber auch davor, dass sie die falsche Entscheidung getroffen hat. Oder auch einfach davor, den Flug zu verpassen.
Sie konnte es nicht definieren, sie konnte auch nicht aufhören, sie anzuschauen. Irgendwann schloss die Frau ihre Augen. Die Hände waren ineinander gelegt, als würde sie beten. Ihre Augenlider zuckten, als würde sie träumen. Immer wieder schluckte sie und als sie kurz die Augen aufmachte, um zu gucken, an welcher Station die Bahn hielt, waren ihre Augen noch glasiger als zuvor. die Mundwinkel nach unten gezogen. Wie ein Gesicht, das die Tränen schon sich ansammeln spürt, das die Muskeln von der rechten zur linken Schläfe sich anspannen spürt und das sich beobachtet fühlt.
Dann schloss sie die Augen wieder und das störte sie. Nun sah sie einfach wie eine müde, reiche Frau aus. Es störte sie, dass sie ihre Augen nicht mehr sah, wobei sie doch so sehr versuchte die Lebensgeschichte dieser Frau aus ihnen heraus zu lesen. Also schloss auch sie nun die Augen und konzentrierte sich auf die Musik, die sie hörte. Was anderes blieb ihr ja nicht mehr übrig.
Irgendetwas an dieser Frau hatte etwas von Flucht und von Mut und irgendetwas an dieser Frau bewunderte sie.
Als die Bahn am Flughafen hielt, stieg sie nicht aus. Vielleicht hatte sie es sich anders überlegt, dachte sie.
Sie war verwirrt. Dass gerade das, was sie ohne groß darüber nachzudenken, nämlich dass sie am Flughafen aussteigen würde, sich nicht abspielte machte sie irgendwie wütend. Sie hatte sich eine perfekte Geschichte zu ihr ausgedacht und das, was am annehmbarsten war, war falsch. Vielleicht reiste sie auch mit der Bahn und wäre erst am nächsten Hauptbahnhof ausgestiegen. Doch sie stieg an einer Station aus, womit man einfach gar nichts assoziieren konnte. Es war die Station in der Bürostadt, umgeben von meterhohen Wolkenkratzern und Bürogebäuden. Dieser Stadtteil war irgendwie zu jeder Jahreszeit kalt und grau. Hier stiegen, wie ihr schien, Millionen Menschen in Anzügen, langen Filzmänteln und Aktentaschen ein. Und alle sahen sie unglücklich aus und nach dem erniedrigenden langweiligen Arbeitstag mussten sie alle auch noch in der bereits überfüllten Sbahn stehen.
Wieso stieg sie hier aus ? Sie konnte sich keinen Endteil zu der Geschichte denken und ließ es auf sich beruhen. Sie würde es sowieso nicht verstehen und außerdem war ja auch alles nur erfunden.

Freitag, 8. Oktober 2010

hardwood pews is calling..

Die Horse Feathers. 3 talentierte multitaskingfähige junge Menschen an Schlagzeug, Banjolin, Tamburin, Akustikgitarre, Säge, Rassel, Cello und Violine (und alles aufeinmal an 6 Händen!) und 1 Mann mittleren Alters mit kreisrundem Haarausfall, Holzfällerstil und einer Stimme, die wie ein warmer Schall durch die Ohren zu dringen und aus allen Poren wieder auszutreten scheint, die so weich und dennoch so kräftig ist, dass man nicht genau weiß, ob er singt oder summt oder man doch nur Stimmen hört.
Bei ihrer letzten Show in dieser Tour in Frankfurt, welche vieeel zu schwach besucht war, zeigten die Pferdefedern nicht nur Gefühl auf der Bühne, sondern auch Power beim letzten Song "Falling through the roof", den sie alle 4 auf der Rampe sitzend, ohne Mikrophone und ohne Verstärker spielten. Das ganze Publikum, das in nur 3 Reihen unmittelbar vor der Bühne auf Hockern saß und jederzeit allen Bandmitgliedern ihr Bier von der Bühne hätte klauen können, bestand zu 1/3 aus Familienmitglieder der Band, die restlichen 20 Leute waren anscheinend die vom aussterben bedrohte Gattung der Homo Sapiens cum Musikgeschmack bzw. der Menschen, die noch fähig dazu sind, sich von den ruhigsten und fast langsamsten Klängen von Saitenisntrumenten in einen Zustand versetzen zu lassen, in welchem man kurz davor ist zu weinen, auch wenn man diese Musik mit absolut nichts persönlichem verbindet, sondern einfach nur so, weil sie eben so schön ist.








Donnerstag, 18. Februar 2010

Hollywood-Momente

jeder kennt sie und jeder wartet auf sie. man versucht egal wo man ist und egal unter welchen umständen bei jedem anzeichen eines potentiellen hollywood-moments die ganze situation so zu lenken, so zu formen, dass es zu dem geschehnis kommt, den man will, den man sich immer für sich selbst vorstellt, wenn man es in einem film sieht.
man versucht, die richtigen worte zu finden, den richtigen blick aufzusetzen, zum richtigen zeitpunkt am richtigen ort zu sein. und man rechtfertigt es unterbewusst damit, dass die ideen für die filme ja auch irgendwoher kommen müssen und wenn nicht aus dem wahren leben, woher denn dann? man malt sich jede mögliche reaktion, jede antwort, jeden möglichen verlauf für die situation aus und sucht ein leben lang danach. meist in der liebe natürlich. denn es geht immer um die liebe.
die einen träumen mehr, die anderen weniger, aber die meisten denken sich, wenn sie den schönsten liebesfilm der welt sehen "wann passiert mir endlich sowas?". und egal, ob der film einen zum weinen bringt, einen wütend macht oder einen denken lässt "wasn scheiß, wie unrealistisch", sind all diese gefühle und gedanken doch nur auf einer todsünde begründet, nämlich neid.
widerfährt einem dann endlich mal einer solcher momente, die vorgeschrieben zu sein scheinen, ist man verliebt in diesen moment. man lässt ihn immer und immer wieder revue passieren.
grinst, wenn man den satz wiederdenkt, der einen in dem moment zum grinsen gebracht hat, lacht, wenn man den spruch wiederdenkt, der einen zum lachen brachte und schmachtet, wenn man das wiederspürt, was einem zum schmachtet brachte. und man fängt an, die geschichte weiter zu träumen, den film weiter zu schauen und keiner kann einem sagen, dass es falsch ist, denn der hollywoodmoment gibt einem das recht dazu. als hätte das wahre leben, wie es ist, mit einem und seiner unwahren lebenseinstellung einen kompromiss geschlossen und nachgegeben.
als hätte man das recht, weiter zu träumen und recht mit seinen träumen.
die ganze zeit war es so, als würde das leben, einem immer wieder versuchen zu sagen, dass man aufhören muss zu träumen, dass man realistisch und vernünftig sein muss, um einen selbst davor zu schützen enttäuscht und verletzt zu werden, als hätte genau dieses leben ein einziges mal zugegeben, dass man recht hat, als hätte es einem ein mal einen gefallen getan,...als hätte man gewonnen.

und dann irgendwann, kämpft sich das leben doch durch die rosaroten traumwolken hindurch und schlägt einem in die fresse. und man realisiert, dass das leben die ganze zeit da war, es die ganze zeit recht hatte und der film doch nur eine privatvorführung in dem eigenen hirn war.
und man erkennt, dass solche hollywoodmomente doch nur im wahrsten sinne des wortes hollywoodmomente sind: erfunden, inszeniert und gespielt...

Sonntag, 3. Januar 2010

United States of Leland







ich hab letztens den film "united states of leland" geguckt und seit wirklich sehr langer zeit, kam es wieder mal vor, dass ich, während der abspann lief, regunglos auf meinem bett saß und mit offenem mund den fernseher anstarrte. obwohl man es für einen rührenden oder zum weinen anregenden film halten würde, hab ich, obwohl ich sogar bei "die reise der pinguine" geweint habe, nicht eine träne verloren. vielmehr bringt das, was in dem film passiert und gesagt wird, das gehirn in bewegung und man fragt sich, warum man nicht vorher auf die idee kam, die welt mal aus diesem blickwinkel zu betrachten.
in dem film geht es um den 17jährigen Leland P. Fitzgerald, der grandios von Ryan Gosling (unser aller traummann aus "the notebook", der übrigens jetzt auch musik macht mit seinem schauspielkollegen Zach Shields in der band namens "dead man's bones" - unbedingt anhören!) gespielt wird. man kann Leland nicht anders beschreiben als einfach anders. er redet kaum, denkt viel nach und wenn er etwas betrachtet, schließt er abwechselnd das rechte und das linke auge, sodass das betrachtete objekt hinter der nebenstehenden wand oder dem baum verschwindet und mit dem anderen auge wieder erscheint.
er verliebt sich in becky, gespielt von jena malone (die in jedem teenie-psycho-film immer (!) die freundin oder den schwarm des psycho-teenies spielt siehe donnie darko zb). Leland beginnt zeit mit Beckys behindertem bruder zu verbringen und denkt über dessen leben nach, das niemals vollkommen erfüllt werden kann. man weiß jetzt schon, dass ihn niemals ein anderer mensch mögen wird, weil er ein toller junge ist, sondern dass jeder ihn nett behandeln wird, weil er behindert ist. durch diese überlegungen kommt es dazu, dass Leland ihn mit 20 Messerstichen tötet und in den jugendknast kommt, wo er von vornherein zugibt, die tat begangen zu haben, jedoch keine antwort geben möchte, weil es sowieso niemand verstehen würde.
ich könnte mir anstelle von ryan gosling bloß einen schauspieler vorstellen, der mit genauso wenig text wie er die ganze tragik seiner handlung und seine einstellung gegenüber der verstrahlten welt bloß durch seinen ausdruck darstellen könnte, undzwar giovanni ribisi. aber ryan gosling hat seine sache schon beeindruckend gut gemacht.
als eine tv-reporterin ihn bei seiner festnahme fragt, warum er das getan hat, antwortet leland "wegen der traurigkeit" und alles scheint verziehen und vergessen zu sein.